Pastor Holzauge, was halten Sie von theologischen Visionen?
- Etwa so viel wie von einer Speisekarte, die neben der Tür eines Lokales hängt, während an der Tür steht: Heute Ruhetag.
Warum halten Sie nichts von Visionen? Man kann doch nicht alles auf Begriffe beschränken.
· Ohne Begriffe gibt es keine klaren Gedanken. Visionen können auch schrecklich oder verfehlt sein. Sollen mit Visionen die Vorstellungen von besseren Möglichkeiten gemeint sein, kann man sie auch auf Begriffe bringen. Aber wenn ich mich auf meine Vorstellungen beschränke, schließe ich bessere Möglichkeiten aus.
Heilsnotwendige Möglichkeiten zur verwirklichen, halte ich für ein theologisches Problem. Die Verwirklichung muss in jeder Hinsicht gerechtfertigt sein. Wie kann es dazu kommen, wenn Gott „nicht Fünf gerade sein“ lassen kann? Da sehe ich keine andere Möglichkeit, als immer wieder zu besseren Einsichten zu kommen. Visionen können zufällig und zusammenhanglos sein. Jeder kann sich etwas Besseres denken und wünschen. Aber auf das Können kommt es an. Was wir nicht können, fehlt uns.
Es heißt doch beim Propheten Joel: „In den letzten Tagen wird es geschehen, spricht Gott, da werde ich meinen Geist ausgießen über alles Fleisch und eure jungen Männer werden Visionen haben.“
- Es wird aber nichts über den Inhalt der Visionen gesagt, sondern darauf hingewiesen: „Jeder der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.“ Denn ganz zu Schluss wird nicht die große Harmonie eintreten, sondern die abschließende Katastrophe. Das theologische Problem sehe ich darin, dass ich allenfalls weiß, wodurch ich sein kann, was ich für immer sein soll. Ob und wann ich aber so weit komme, ist schicksalhaft. Wer kennt sich darin aus?
Meinen Sie, wer die Schicksalhaftigkeit des Lebens bejaht, wird das, was er werden soll?
- Wäre es nicht so, wäre jeder ein Spielball des Schicksals. Weder Visionen, noch Theologie wären von Bedeutung.