Aquila non captat muscam

aquila non captat muscam

Apho 1109

23.12.10 20:21, kommentieren

Bücher, über die ma spricht

 

 Berlin,  27. 9. 2010,  Mo

Hab schon eine geraume Weile nichts mehr hier in eos-o-ton abgelegt; darüber ist ein ganzer Sommer hinweckgezogen, aber egal. Nicht bloß Papier auch das Inet ist geduldig. Gelobe in Zukunft Besserung und fürs erste hätte ich einen Apho-Brief mit einer aufschlußreichen Lesung anzubieten …

Immer wieder, dh. von Zeit zu Zeit, gibt es Böcher, die Furore machen und einschlagen wie ein Blitz aus unheiterem Himmel. Weil sie den Nerv treffen und eine unerhörte wie auch  lange ungehörte, unbequeme und unerwünschte Wahrheit aussprechen und damit dem Zeitgeist gehörig auf den Zahn fühlen.

Wenn eim Menschen angesichts von  Verlogenheit, Heuchelei und systematischer Verdummung einmal der Kragen platzt, wird er entweder laut und ungehalten und muß seine ganze Verachtung in einer Suada drastischer, ja ungehöriger Worte herausschreien bzw. den Leisetretern und Lackaffen ins Gesicht schleudern oder er schreibt ein Buch und gibt diesem einen unmißverständlichen Titel, mit dem er seine tiefe Besorgnis angesichts einer fatalen Entwicklung offen ausspricht.

Damit nun endlich darüber offen und öffentlich gesprochen, disputiert und um der Sache willen gestritten wird. Solche Bücher, die wie Bremsraketen den Diskurs in eine andere Richtung lenken wie auch den Kurs eines Landes wesentlich zu beeinflussen vermögen, gibt es, seitdem es Bücher gibt.

Und in diesen Tagen  ist es mal wieder soweit, daß ein Buch die Menschen hierzulande besonders erregt und stark beschäftigt. Und das bevor es überhaupt auf dem Markt ist und in Gänze zur Kenntnis genommen werden kann. Ein Buch mit ampelrotem Cover und mit eim aufrüttelnden Titel versehen die Zukunft des Landes betreffend.

Deutschland schafft sich ab.

Wie wir unser Land aufs Spiel setzen.

Wenn das keine eindringliche Mahnung ist !  Endlich spricht einer, der selbst der politischen Klasse angehört, unverblümt aus, daß die, nein unsere, Zukunft in diesem Land aufs höchste gefährdet sei und daß somit nicht wenig auf dem Spiel stehe und das es nun an der Zeit sei, sich dem Ernst der Lage zu stellen und nicht weiter den Kopf in den Sand zu stecken.

Die Botschaft stößt im Volk auf offene Ohren, da es schon lange  mit solchen Gedanken und Befürchtungen schwanger geht, aber bei der politischen Führung und den Meinungsmachern auf eine strikte, fast einhellige Ablehnung.  Diverse Keulen wurden hervorgeholt, um den Tabuverletzer mit gezielten Schlägen unschädlich zu machen, aber derlei Gebahren kommt beim schon merklich elektrisierten Publikum nicht an, das nicht müde wird, dem mutigen Streiter seine Zustimmung und seinen Respekt öffentlich vernehmlich zu bekunden. 

Und plötzlich wird deutlich, daß Thilos Thesen das Land in zwei sehr ungleiche Lager gespalten haben; auf der einen Seite die hohen Zustimmungswerte aus dem Volk, die über Wochen konstant zwischen 85 und 90 % und darüber gehandelt werden, und auf der anderen Seite das politische und mediale Establishment mit der Botschaft, daß die derart angestoßene Diskussion nicht gerade hilfreich und ansonsten alles bestens sei.

Oder unverhohlen als Klartext an die eigenen Leute gerichtet (von einer, die mal von amtswegen mit der ganzen Malässe befaßt war) – Das müssen wir aushalten ! Jaja, wir müssen ..  Wir müssen und wir werden siegen, sagte mein Großvater dann und wann mit eim ironischen Unterton, aber den Rest laß ich lieber mal weck.


Nun, jede Wahrheit, braucht, wie es so treffend heißt, stets einen Mutigen, der sie ausspricht. Doch der sollte ein schnelles Pferd haben, damit man ihm nicht so schnell beikommt.

Soweit nun dieses aktuelle Beispiel über die Wirksamkeit von einzelnen Büchern. Dabei ist die Sache längst nicht abgeschlossen, und es dürfte noch spannend werden, denn durch die nüchterne Beschreibung der Problemlage und der daraus resultierenden fatalen Folgen ist die beschönigende und verharmlosende Darstellung derselben, also die Verdrängung, die Verkleisterung und die große Verschleierung, die ganze Manipulation, Heuchelei und Propaganda von Seiten der Politik und der Medien selbst zum Thema geworden.

Und das ist allemal ein Fortschritt. Nun endlich zur nächsten Lesung, im LI-LA Literatur-Laden, der ersten nach der Sommerpause. Habe leider nicht Thilo Sarrazin anzubieten, dafür aber einen anderen Autor, der vor etwa 40 Jahren ein ähnliches Buch geschrieben hat, ebenfalls eine unmißverständliche Mahnung, um die Menschen in den zivilisierten Ländern wachzurütteln. Und dessen Thesen auch weiterhin gültig und bedenkenswert sind, wenn auch um einzwei Punkte ergängzungsbedürftig.

Am Freitag, den 1. Oktober um 20.15 Uhr im LI-LA

Konrad Lorenz – ‚Die acht Todsünden‘

… der zivilisierten Menschheit‘

In eim schmalen Bändchen von 1973 formuliert der Nobelpreisträger griffig und anschaulich, wie aus der Sicht des Verhaltensforschers und Biologen moderne Entwicklungen zu bewerten sind und welche Gefahren für die Gesellschaft, ihren Bestand und ihren Zusammenhalt, daraus erwachsen können. Bedenkenswerte Thesen, die keineswegs überholt sind, allenfalls wie schon gesagt ergänzungswürdig.

Eo Scheinder liest aus Konrad Lorenz´ Streitschrift und unverhohlener Mahnung einige ausgewählte Passagen. Interessante Gedanken und Positionen, die gerade für
die nun neu entbrannte gesellschaftspolitische Diskussion von besonderer Relevanz sind.

Die Lesung findet statt im LI-LA Literatur-Laden
in Charlottenburg, Wilmersdorfer Str. 9 –
Eintritt:  4 Euro,
erm. : 3 Euro.
Kartenvorbestellung:
Tel. 344 45 59

 Mehr über diese spannende Vorgänge hier

 

… Musikspur: Santana – Europa ….

28.9.10 01:07, kommentieren

Strapazierte Begriffe

 Tapiau,
29. 4. 2010 Do

 
Aus aktuellem Anlaß, da morgen eine interessante Lesung ist …
 
Liebe Freunde,
liebe Leser des Apho-Briefs,

Kultur ist seit geraumer Zeit
einer der am meisten strapazierten Begriffe und allmählich zu einer nurmehr wohlklingenden Leerformel abgesunken,  die alles und nichts bezeichnen kann bzw. nichts an menschlichen Regungen und Hervorbringungen explizit ausschließt. Vor allem beliebt bei Verkaufsstrategen, die ihrem Produkt die Weihen von Exklusivität und Luxus verleihen wollen, wenn sie von Wein-, Wohn-, Fahr-, Genuß-, Koch,- Erlebniskultur (und wie dergleichen Komposita mehr lauten)  guruhaft herumschwadronieren. Kultur ist also zu eim
inhaltsleeren Allgemeinplatz verkommen, der zum einen dazu dient, gewisse Oberflächlichkeiten substanziell aufzupolieren und zum anderen alles und jeden miteinzuschließen, so daß auch  die Unkultur als eine spezielle Form der Kultur dem staunenden Publikum, ja als Steigerung und Überwindung derselben, gerne vollmundig und wortreich untergejubelt wird. Dabei ist Kultur als Gegensatz  zur Natur seiner Kernaussage nach ein uralter Begriff, der wohl bis ins Neolithikum zurückreichen dürfte und auf die Lebenswirklichkeit einer agrarischen, auf gut deutsch einer bäuerlichen Gesellschaft verweist. Und kultivieren, wie noch heute im Ursprungssinne gebräuchlich, meint in erster Linie eben den Boden bereiten, ihn durch gezielte und nachhaltige Eingriffe schweißtreibender Art soweit zu verändern, daß er bebaut werden kann, also zum Acker wird; oder zum Garten und hinfort reiche Frucht trägt. Somit ein wohlkalkulierter
Eingriff des Menschen in natürliche Zusammenhänge, um durch intensive Pflege
auf begrenztem Boden seine Existenz zu bestreiten. In diesen weit zurückliegenden Zeiten, als der Mensch sich zur Seßhaftigkeit entschloß, war die Kultur nicht so sehr Singen und Tanzen und schmückendes Beiwerk sondern schiere Notwendigkeit und sie zeigte sich nicht durch erlesenen Genuß des Wohlstands sondern vielmehr durch die Erzeugung desselben.  Soviel nun fürs erste zur Kultur und dem, was man mit diesem schillernden Begriff im Wechsel der Zeiten so alles verbindet.

Ausführlicher zu diesem weitläufigen und vielschichtigen Thema die nächste Lesung im LI-LA Literatur-Laden am Freitag, den 30. April 2010 um 20.15:

Friedrich Nietzsche – ‚Menschliches, Allzumenschliches‘ (V)

über die Anzeichen höherer und niederer Kultur – 5. Teil der Nietzsche-Reihe mit dem Schwerpunktthema:Freie Geister und gebundene Geister und die Dialektik von Entartung und Höherentwicklung.
Eo Scheinder liest Nietzsche.

Demnächst eine Lesung zum Themä
Der Zufall und das Schicksal


Die Lesung findet statt im LI-LA Literatur-Laden
in Charlottenburg, Wilmersdorfer Str. 9 –
Eintritt:  4 Euro,
erm. : 3 Euro.
Kartenvorbestellung:
Tel. 344 45 59
oder Email: [email protected]
 
Und hier geht’s noch ein wenung weiter zu den dumpfen und stumpfen Stummfischen
 
 
 


30.4.10 01:42, kommentieren

Pferd im Aquarium

 Costnitz, den 19. 1. 10, Di 

Gegensätze sind das natürlichste von der Welt. Überall, wo man auch hinschaut, diese Fluktuation um zwei Pole, zwischen denen es ständig hin und her springt und zuweilen auch flackert. Anders dürfte wohl das ganze Geschehen, was wir Welt und Leben nennen, garnicht funktionieren, zumindest auf dieser materiellen Ebene. Die Pole auf dem Globus, die Pole der Batterie, ebenso Tag und Nacht, Licht und Schatten, einatmen und ausatmen, Frauen und Männer, Gedankenmenschen und Tatmenschen, seßhafte Völker und Nomadenvölker, Flora und Fauna, nomen et omen usw. usf. – immerfort zwei Prinzipien, die miteinander ringen und doch einander bedingen, ja einander bedürfen. Die Gegensätze halten die Dinge in Bewegung und über weite Strecken auch im Gleichgewicht, lateinisch Äquilibrium (was wunderhübsch melodisch klingt und mich für kurz an ein Pferd im Aquarium denken laßt). Die Gegensätze sind also systemimmanent und konstitutiv und sollten daher als eine eherne Regel akzeptiert werden, anstatt mutwillig in Frage gestellt, verwässert und eingeebnet zu werden – wie das heute im großen Stil noch immer Mode ist, gleichviel ob es sich um die beiden Geschlechter, um Völker, Rassen, Religionen, Hierarchien, Altersstufen oder Temperamente handelt. Die Gegensätze werden am liebsten weckdiskutiert und offensichtliche Unterschiede als ein (nicht besonders wichtiges) Merkmal unter vielen anderen einfach kleingeredet oder gleich ganz ausgeblendet. Denn für die große Vereinheitlichung, die mit aller Macht und allen Tricks gestemmt werden soll – mit der ganzen Welt als Verfügungsmasse und den Menschen als Manövriermasse – stören sie nur. Dabei scheint es aber ganz im Sinne der Natur, gewisse Gegensätze als gegeben hinzunehmen und die Unterschiede statt zu verwischen als Ausdruck bzw. Abdruck der eigenen Identität hochzuhalten und gegenüber anderen herauszustellen. Was jedes Tier und jeder Primitivo instinktiv erfaßt und deutlich zum Ausdruck bringt, ist unserer Spätzeit, dieser vor sich hin modernden Moderne, ein Dorn im Auge. Und wer sich darauf kapriziert, die Unterschiede herauszuarbeiten und sie aufleben zu lassen (vive la différence), kann sich heutzutage leicht bei den Gleichheitsaposteln, Kulturnivellierern und Werterelativerern sowie bei den Langzeitstrategen unbeliebt machen.

In Sachen Modernde Moderne hier noch ein Verweis.

Ach, da noch eine verlorene Zeile:

Es schwebt ein Schatten überm Land … -Ff-

Musikspür: Alan Parsons Project – Lucifer

20.1.10 00:51, kommentieren

furioses Buch

zu – fäll – ich

Bösingen,3. Nov. 09 
Serviceday, äh Dienstag

Alles schon mal dagewesen. Und da sage einer, die Geschichte wiederholt sich nicht. Und doch tut sie es – nur eben in anderen Konstellationen und mit anderen Nasen. Wie es der Zufall will, liegt da gerade eine Fotokopie mit dem Anfang des grandiosen Versepos´ ‚Orlando furioso‘ (Der rasende Roland) auf meim Schreibtisch, das ich mal vor fast 30 Jahren gelesen hatte und dann auch auszugsweise kopiert. Ein wahrhaft furioses Buch, das dem verlöschenden Mittelalter ein grandioses Denkmal setzt. Wirklich empfehlenswert, zumindest für alle, die sich noch einen Rest romantischen Empfindens bewahrt haben. Leider nicht mehr so einfach zu bekommen, aber sicher in der ein und anderen Bibliothek noch auszuleihen. Ein opulentes Heldengedicht in tausenden von Stanzen und 46 Gesängen, das als Hintergrund einen uralten Konflikt aufzeigt (zurückverlegt in die Zeit Karls des Großen und seiner Paladine), der immer aufs neue und heute ganz besonders wieder virulent geworden ist, nämlich der elementare Gegensatz zwischen Orient und Okzident. Und ersterer war damals zu Karls Zeiten (der ein Enkel jenes legendären Karl Martell war) schon vom Islam geprägt, dh. beherrscht und von expansiver Dynamik getragen nein besser befeuert. Was soll man dazu noch sagen ? Ich kann mich nur wiederholen – alles schon mal dagewesen ! Jedenfalls lautet die erste Stanze im Ersten Gesang des Rasenden Roland so:

Die Frau’n, die Ritter, Waffen, Liebesbande,
Die Zartheit sing’ ich, von verwegnem Mut
Der Zeiten, da der Mohr von Libyens Strande
Zog übers Meer und Frankreich setzt’ in Glut,
Dem Zorne folgend und dem Jugendbrande
Des Königs Agramant, deß rasches Blut
Zu rächen schwer mit grimmigen Erbosen
Den Tod Trojans an Kaiser Karl dem Großen.

Daß mit dem ‘Mohr’ nicht bloß die heute eher schwierig korrekt zu bezeichnenden Bewohner Schwarz-Afrikas (sic !) gemeint sind, sondern auch jene, die mehr in Nordafrika zuhause sind, sollte erläuternd hinzugefügt werden. Diese nicht ganz so schwarzen ‘Mohren’ heißen in Spanien ‘los moros’ und sind hierzulande als Mauren bekannt. Hätte sich Ariost mehr auf Deutschland bezogen, wäre seine Benennung sicher anders ausgefallen. Aber zu Karls des Großen Zeiten saßen jene Nomadenvölker noch in der zentralasiatischen Steppe und hofften auf beßre Zeiten.

Als Zugabe noch zwei Sprüche, die jene saloppe Ausgangsthese zu bestätigen scheinen.

Es ist, als ob die Völker die Gefahren liebten, weil sie sich solche schaffen, wenn es keine gibt.

Joseph Joubert, Gedanken, Versuche und Maximen

Lapidi loqueris.

Terenz

Und hier noch eine Reverenz an den vollen Mond, der so schön wieder leuchtete über der Glienicker Brücke …

…Musikspur: Estampie – Herr Walther / Crusaders


1 Kommentar

3.11.09 23:34, kommentieren

‚Erschreckende Schwadroneursfigur’

 Givatayim,
17. 10. 09 Sa
 

Alte Zeitungen haben was. (Gut möglich, daß hier schon die ersten aussteigen. Aber auf die Keine-Zeit-Generation kann ich verzichten) Sie haben neben der Patina ihren eigenen Charme, fühlt man sich doch in eine andere Zeit versetzt, in der ganz andere Probleme virulent, andere Sichtweisen aktuell und andere Sicherheiten gewiß waren. Aus diesem Grund ist es auch so reizvoll in alten Zeitungen zu blättern und zu lesen, da in ihnen noch der Geist einer vergangenen Zeit weht, mit all den Verrenkungen und Beschränkungen und Denkblockaden, die plötzlich infolge revolutionärer Ereignisse obsolet, peinlich und damit historisch geworden sind. Just vor zwanzig Jahren kamen Dinge in Bewegung, die für die Ewigkeit festgemauert schienen, weil man sich einfach nicht vorstellen konnte, daß eine Supermacht namens Sowjetunion auch nur auf einen Quadratmeter ihrer Einflußsphäre verzichten würde. Denn wenn es hart auf hart ging, ließ man Panzer auffahren oder drohte mit Atomraketen.; die Pekinger Genossen jedenfalls hatten sich ohne Skrupel dieser Mittel bedient und damit die Unruhe im Volk und die Unruhen auf dem Platz des Himmlischen Friedens erstickt. Und daß Genosse Kronprinz in dieser dramatischen Zeit ausgerechnet nach Peking reisen mußte und die brutale chinesische Lösung mit viel Verständnis beklatschte, wurde von den Menschen damals als unverhohlene Drohung aufgenommen. Wenn sie sich ihrer Sache sicher gewesen wären, hätten sie ein großes Geschütz aufgefahren. So war auch die Linie bis zum 9. Okt 89 als über hunderttausend (oder waren es noch mehr ?) Menschen, Oppossitionelle am Alexanderplatz in einer großen Kundgebung zusammenkmen und ihren senilen Oberen unmißverständlich das Mißtrauen ausgesprochen haben. ‘ Es ist, als ob jemand das Fenster aufgerissen hat’, so sinngemäß Stefan Heym auf besagter Kundgebung, bei welcher der unerträgliche Mief, die grenzenlose Verlogenheit und der moralische Bankrott angesichts einer existenzbedrohenden Fluchtbewegung namhaft gemacht, also öffentlich ausgesprochen wurde. Eine ähnliche Kursbereinigung oder Kurskorrektur steht derzeit mal wieder an, da das vorherrschende und (von allen Funktionsträgern) eingeforderte Paradigma der realen Situation im Lande und der damit verbundenen Erfahrungen so gar nicht mehr gerecht wird. Die Wirklichkeit sieht anders aus und hat so gar nichts mit den Propaganda-Flyern zu tun, die die Arie der kulturellen Bereicherung trällern und im Gegenzug nichts von handfesten kulturellen Konflikten und Unverträglichkiten wissen wollen. Aber das ist ein anderes Thema. Die Geduld der Menschen scheint allmählich zu Ende zu gehen; denn man ist der faden Durchhalteparolen all dieser verlogenen Schwallmänner aus Politik und Medien in Sachen Integration längst überdrüssig geworden und verlangt inzwischen mehr nach KLARTEXT à la Sarrazin. Eine tiefe Entfremdung zwischen Establishment und der ‘Volksbevölkerung’ tut sich damit auf, die schon ein wenig an die oben geschilderten Vorgänge erinnern, welche schließlich am 9. November 89 zur wundersamen Wende in der (lange offenen) Deutschen Frage führte. Daß die Lösung dieser Frage bzw. die Wende mit der folgenden Wiedervereinigung der beiden deutschen Teilstaaten bis über den Mauerfall hinaus von den verantwortlichen Politikern, den medialen Großschreibern und pfeiferauchenden Auguren für illusorisch, unmöglich und im Grund ihres Herzen noch nicht einmal für erwünscht gehalten wurde und von der überwältigenden Masse des Volkes ähnlich gesehen wurde, bezeugt das schlichte Wort WAHNSINN, das während dieser aufregenden Wochen in aller Munde war.

WAHNSINN war deswegen das Mantra, weil man sich schon so sehr an die unnatürlichen Zustände gewöhnt hatte, daß man sie für normal und unabwendbar hielt und folglich die Aufhebung derselben für gänzlich unvorstellbar und damit einfach so etwas wie WAHNSINN waren. Damals nannte sich das zentrale DOGMA Status quo und es zeichnete den sogenannten Realpolitiker aus, ihn uneingeschränkt anzuerkennen und ihn nicht mal in Gedanken anzutasten und infrage zu stellen. Daß dieser wie alles Menschliche nur eine befristete Existenz hatte und eines schönen Tages an sein seliges Ende gelangen würde, war nicht gerade opportun zu äußern. Wer es dennoch tat, machte sich verdächtig und mußte erleben, wie die kritischen, ach so informierten Zeitgenossen von ihm abrückten und ihn mit despektierlichen Äußerungen und wenig schmeichelhaften Attributen bedachten. Einer, dem die ganze Häme (‘erschreckende Schwadroneursfigur‘) zuteil wurde, weil er seinen ‘irrationalen Gefühlen’ freien Lauf ließ und vor Millionenpublikum in einer Torkshow meinte „mein simples Gefühl sagt", die deutsche Teilung müsse überwunden werden, der „Strafe" sei es nun genug, war Martin Walser. Der ging nach seim Gefühl und hatte den richtigen Riecher, während die selbstgerechten Ignoranten in der Runde, die sich einen Spaß daraus gemacht hatten, den ‚senilen‘ Walser mit ihren dümmlichen Frechheiten lächerlich zu machen, 9 Monate später (sic !) kalt erwischt wurden. Hier nun eine Fernsehkritik zu jener Torkshow, in der die Verblasenheit des Weltbilds von einst schon fast kabarettreif zum Ausdruck kommt. Stand vor 20 Jahren in der taz, geschrieben von einer Frau Simon-Zülch.

(„Freitagnacht". Berliner Talkshow mit Lea Rosh, N3, Freitag um 22 Uhr) Mehr, mehr, mehr von solchen Talkshows wie denen, die Lea Rosh zustandebringt. Wo sonst gibt es solche Themen („Heimat: O — Heimat: W — Oweh, Heimat", von Heiner Müller formuliert), wo solche Gäste? Wo gibt es diese Souveränität in der Gesprächsleitung? So aufregend, so konzentriert und unterhaltsam war lange keine Talkshow mehr, obwohl mir anfangs nichts Gutes schwante — ging es doch darum, „den Dialog zu probieren" zwischen Gästen aus der DDR und Gästen aus der BRD, und diesem Begriff— „Dialog" — haftet etwas modisch Neutrales, Inhaltsleeres an. Doch wie man sehen konnte: Hinter so manchem „Dialog" tauchen kluge Köpfe auf: Irene Runge, Ruth Berghaus, Heiner Müller, Wolfgang Kohlhaase/Frank Beyer („Der Bruch" aus der DDR; Rolf Liebermann (Schweiz), Günter Gaus, Otto Sander, Klaus Wagenbach (BRD) — und, etwas außer der intellektuellen Reihe, Martin Waiser, dem neuerdings „mein simples Gefühl sagt", die deutsche Teilung müsse überwunden werden, der „Strafe" sei es nun genug.

Walser als einziger machte eine erschreckende Schwadroneursfigur — „Stammtisch", entschied Irene Runge nebenbei. Und wie ein deutscher Stammtischredner provoziert er die Auseinandersetzung auf der Ebene des Gefühls, nimmt aber intellektuell Reißaus, spielt mopsbeleidigt gekränkte Leberwurst, wenn er sich „falsch zitiert" fühlt, etwa von Günter Gaus, dessen politischem Verstand er einfach nicht gewachsen ist.<haha, da lachen ja die Hühner. der Sezzer>  Entsprechend stumm wird er im Lauf des Abends, umringt von Leuten, die historisch, politisch — und auch emotional — zu begreifen versuchen, was Walsers dumpfes Gefühl verkleistern will: daß nun mal zwei deutsche Staaten existieren.

Aber es sollte ja auch gar nicht um Walsers rückwärtsgewandtes „Heimweh" alleine gehen, sondern darum — wie Lea Rosh immer gerne wissen will —: „Was können wir voneinander lernen?" Und siehe: In dieser Talkshow war’s eine segensreiche Frage, denn es zeigte sich, daß nur den Gästen aus der DDR einfiel, was sie womöglich „lernen" könnten. Von „uns" kam nichts, gar nichts. Bloß aus dem Publikum hagelte es Gehässigkeiten („privilegierte Leute, nicht repräsentativ für die DDR", „Heimatvertriebene sollten in der Talkshow sein", die sich Günter Gaus erbost verbat. „Was wissen diese Zwischenrufer über die DDR?", fragte Irene Runge. „Man müßte uns auch mal akzeptieren, uns fragen, wie wir leben, was wir wollen." Und Kohlhaase: „Als DDR-Bürger kommt man sich hier immer so vor, als hätte man seine Schulaufgaben nicht gemacht. " Treffender kann man die Infantilität des Nicht- und zugleich Besserwissenwollens kaum karikieren. (vom 27. 2. 89)

hab mir‘s ausgeschnitten und schon damals den Kopf darüber geschüttelt – o sancta simplicitas.

Musikspur: Peter Warlock – Caprial Suite

18.10.09 01:41, kommentieren

Frechheit siegt

 Potslin, 28. 7. 09

Frechheit siegt

Es ist ganz und gar nutzlos sich über Ignoranz und Ignorantentum aufzuregen. Ebenso könnte man eim Ochsen ins Horn petzen, denn das juckt den nicht im geringsten. Nicht das Negative und Gleichgültige sehen, sondern sich am Positiven und Herausragenden erfreuen und begeistern. Dann rückt die Ignoranz zur Seite und ist nicht viel mehr als Staffage, Kulisse eben, ein Hintergrundgemurmel, das nichts weiter zur Sache tut. Man nimmt es kurz von der Seite wahr, ohne große Regung, ohne zu reagieren. So halte ich es gemeinhin mit der Ignoranz, nämlich volle Breitseite zurück oder wie der Österreicher gern mit verschmitzten Lächeln sagt: Gor ned erst ignoriern. Seit langem auch schon meine bevorzugte Haltung emanzipikierten Frauen gegenüber, die ja allein vom Äußeren her und dem ganzen Autfitt nach als soliche erkennbar sind und ihre weiblichen Anteile deutlich, wenn nicht gar drastisch zurückgefahren haben. Das ist nicht gerade so der Anblick, also schweift der Blick mehr darüber hinweck. Nur manchmal hilft auch diese zweckmäßige und wohlbegründete Haltung nicht; dann nämlich wenn eine Person mit hohen Nervfaktor und schrillem Organ wie Hella Wahnsinn auftaucht und sich produzieren muß. Nein, nicht im Fernsehstudio, denn da würde ich gar nicht erst hingehen, sondern an eim schönen Ort in Berlin und zwar im großen, vollbesetzten Café am Neuen See am Rande des Tiergartens. Weiß nicht mehr die Worte, weiß nur, daß sie nicht gerufen sondern regelrecht gebrüllt hat. Fast alle und das sind nicht gerade wenige dort, reckten da ihre Hälse. Glaube wohl, sie ist auch so ein Bio-Geschöpf aus dem Kölner Biotop. Eine Sumpfblüte, die etwas über den Grad der Dekadenz unserer Zeit aussagt. Bei so aufdringlichen Leuten wird es dann mit dem Ignorieren schon etwas schwierig. Doch das ist leider der Zug der Zeit – die aufdringlichen Leute werden immer mehr, die sich dem prolligen Motto Frechheit siegt verpflichtet fühlen. Sicher ärgerlich aber nicht verwunderlich, da genau diese Haltung die Botschaft ist, und die sie lautstark und schrill vertreten, die gefeierten, erfolgreichen Vorbilder sind. Nein, die ganze Comedy taugt nichts, das ist spätpubertärer Mief, so gesichtslos wie der einst unter Die Doofen’ firmierende Wigald Boning. Heinz Erhardt würde sich im Grabe umdrehen bei diesem witzlosen Klamauk.

29.7.09 01:18, kommentieren

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