die einundachtzigjährige Mutter einer Freundin, vermischt alles miteinander, auf ihre Weise.
Ich war am Sonntag bei den beiden eingeladen und lernte Maria Dolores kennen. Als meine Freundin mich bat, ihrer Mutter zu sagen, dass sie bitte zum Essen kommen soll und ich sagte: Kommen Sie, wir gehen essen, da schaute mich die alte Dame fröhlich an und fragte: hat denn das Fräulein Sabine schon den Tisch gedeckt.
Ich war verwirrt. Meine Freundin kam hinzu, nahm ihrer Mutter die Buntstifte aus der Hand und meinte: Mami, komm, lass die Buntstifte liegen, wir gehen essen, und zu mir sagte sie: sie nennt mich Fräulein Sabine, Fräulein Angela und Fräulein Amparo, und manchmal nennt sie mich auch mit meinem Namen und weiß, dass ich ihre Tochter bin.
Nein, sagte die Mutter, die Stifte müssen ordentlich in den Kasten gelegt werden. Sie hatte ungefähr eine Stunde lang in Kinderheften vorgezeichnete Bilder bunt ausgemalt. Das macht sie gerne, erklärte mir meine Freundin.
Nachdem wir mit sechs Händen die Buntstifte in den Kasten verstaut hatten, nahmen meine Freundin und ich ihre Mutter zwischen uns und gingen Richtung Esstisch. Maria Dolores lächelte aufgeregt, es roch nach Fisch.
Immer wieder während der Mahlzeit freute sie sich und genoss den Fisch, den Salat und das Brot. Ja, das Fräulein Amparo kann wirklich gut kochen, sagte sie und strahlte mich an.
Ich war erstaunt wie gut sie aß ohne einen einzigen Zahn im Mund und ohne Gebiß. Mein Zahnfleich ist hart wie ein Stück Holz, sagte sie, als ich sie fragte, ob das Essen ohne Zähne nicht schwierig sei.
Maria Dolores verlor sich im Fischessen, plötzlich schaute sie aufgeregt ihre Tochter an und meinte: ich muß gleich nach dem Essen unbedingt einen Besen kaufen gehen, und eine Bürste, das ist ein Auftrag von Frau Schneider.
Als die Tochter sagte: Aber Mama, heute sind die Geschäfte doch geschlossen, stutzte die alte Frau kurz und sagte dann, ich darf das aber nicht vergessen, dann mußt du mir heute abend Geld rauslegen, damit ich gleich morgen früh einkaufen gehen kann, die Frau Schneider wartet darauf, sie hat mir so große Gefallen getan, sie hat mir so oft geholfen, das darf ich nicht vergessen, sie hat euch Kindern immer Kekse zugesteckt und mir ….
Maria Dolores lebt in ihrer Welt von vor vierzig, fünfzig Jahren, die sie vermischt mit unzähligen Daten aus ihrer Kindheit von vor siebzig, achtzig Jahren, und man kann nicht wissen, was sonst noch alles in ihr am Werk ist.
Die Tochter hat ihre Mutter vor einem Jahr zu sich geholt und widmete sich ihr in den ersten Monaten vierundzwanzig Stunden am Tag, bis sie kurz vor dem Zusammenbruch stand. Dann sorgte sie dafür, dass die Mutter morgens abgeholt und nachmittags um vier wieder gebracht wird. Sie wird in einem Sozialzentrum in der nahe gelegenen Stadt in einer Gruppe alter Menschen betreut.
Als ich Maria Dolores fragte, ob sie gern in die Betreuung geht, schaute sie mich wieder mit ihren schönen Augen an, die einen fernen Blick haben und meinte: ja, da ist es gut, aber es sind nur alte Leute dort. Es war offensichtlich, dass sie sich nicht dazuzählte.
An den Wochenenden sind Tochter und Mutter ununterbrochen zusammen. Ich glaube, ich werde sie ab jetzt öfter samstags oder sonntags besuchen.