Pastor Holzauge, können Sie sich eine bessere Kirche denken?
- Das wohl nicht. Die Kirche kann nicht neu erfunden werden. Worauf es in der Kirche ankommt, kann ich wohl sagen. Aber verbessern kann ich deswegen nichts. Denn besser kann alles nur werden durch bessere Christen.
Wodurch könnte es besser werden?
Die Getauften müssen sich von Gott befähigen lassen, eine Gemeinschaft hervorzubringen, die durch die unbedingte Hoffnung zusammengehalten wird und sich entsprechend verhält. Die Hoffnung ist das Rückgrat der Menschen. Das weiß jeder. Aber sie ist auch ein Lebenskonzept. Man wird niemanden kränken, wenn man ihm sagt, was man für ihn hofft. Man muss aber im Umgang mit ihm auch zeigen, dass man nicht nur fromme Wünsche für ihn hegt, die man Hoffnung nennt. Im Umgang mit einander zeigen die Situationen, was man für einander übrig hat. Deswegen müssen die Getauften durch den Geist Gottes konstitutive Fähigkeiten bekommen, damit sie verwirklichen können, was noch kommen soll.
Ist das Thema Hoffnung ein Schwachpunkt im Selbstverständnis der Getauften?
Behaupten kann man das nicht. Dass die Hoffnung ein Schlüsselbegriff für das Glaubensverständnis ist, bezweifele ich jedoch trotz der Abschlusserklärung der Würzburger Synode über unsere Hoffnung von fünfunddreißig Jahren.
Dass von der Erfüllung der Hoffnung alles abhängt, kann man doch einsehen. Woran fehlt es dann noch?
- Christen müssen die Gewissheit finden, dass das, was sie für einander erhoffen in Erfüllung geht, weil sie die Voraussetzungen dafür zumindest anstreben. Das ist der unmittelbare Zweck des Gemeindelebens der Getauften. Da können sie zeigen, was sie für einander übrig haben. Denn überall beeinflussen sich die Menschen im Umgang mit einander. In den gemeinsamen Situationen ist es ihr Verhalten, durch das die Situationen ihre Qualität haben. Nun sind die Situationen im Leben einer Gemeinde teils ritualisiert, teils sind sie Veranstaltungen, an denen man teilnimmt. Wem das alles zusagt, der kommt wieder. Findet er anderswo ein besseres Angebot, geht er dort hin.
Ist dann das Angebot der Schlüssel für das Leben der Gemeinde?
In bestimmter Hinsicht durchaus. Denn die Publikumsmentalität ist vorherrschend und darum ist das Gemeindeleben konjunkturabhängig. Der Pfarrer müsste ein Publikumsmagnet sein, dann wären die Kirchen doch voll. Wofür wird er denn sonst bezahlt? – In dieser Hinsicht wird der Brotkorb in Zukunft höher hängen. Das Grundprinzip des Lebens heißt: Hilf dir selbst! Das gilt auch für eine Glaubensgemeinschaft.
Wie soll denn diese Selbsthilfe für die Zukunft der Gemeinde aussehen?
Das scheinen jene zu wissen, die „spirituelle Angebote“ herausgeben. So weit ich das sehe, geht es in der „geistlichen Suche“ um Selbstvergewisserung. Da frage ich mich, ob die Anbieter davon ausgehen, dass die Getauften noch im Katechumenat stehen und gar nicht so weit gekommen sind, wie Getaufte gekommen sein müssten. Spiritualität ist ein vieldeutiger und darum auch unscharfer Begriff. Von Frömmigkeit mochte man nicht mehr sprechen. Darum hat man vor einem halben Jahrhundert alles, was als religiös bezeichnet werden kann, mit diesem Wort zusammengefasst. Ob die „spirituelle Begleitung“ nun einer Fahrschule oder einem Lotsendienst ähnlich ist, weiß ich nicht. Käme das dabei heraus, was dem Wesen des Geistes entspricht, nämlich konstitutive Fähigkeiten, hätte die Gemeinde eine Zukunft. Die Kirche konnte doch erst entstehen, als der Geist Gottes den Menschen diese Fähigkeiten gegeben hatte. Die bessere Kirche wird durch bessere Menschen gebildet. Wo sie zu finden sind, mag fraglich sein. Wenn sie da sind, bilden sie zweifellos die bessere Kirche. Ob das bemerkt wird oder nicht, wird sich zeigen. Denn das Verhältnis von Glaubensverständnis zum zeitbedingten Selbstverständnis der Christen ist wohl nur im Gewissen zu regeln. Das Gewissen muss jedoch in Gebet gebildet werden.